Offener Brief an Ursula Sarrazin

Eine kurze Anmerkung vorab: Journalisten, Blogger, Unterstützer – Jeder, der einen oder mehrere meiner offenen Briefe auf seiner Internetseite oder wo auch immer veröffentlichen möchte, darf das gern tun. Sie helfen unserer Familie damit sehr. Je mehr Menschen auf unsere Geschichte aufmerksam werden, umso höher ist die Chance, dass wir endlich Hilfe bekommen. Vielen Dank!

Offener Brief an Ursula Sarrazin

Frau Sarrazin,

erinnern Sie sich noch an die Zeitungsberichte über Ihren Sohn? Die waren online sehr schnell verschwunden. Ich vermute, Sie wollten Ihren Sohn schützen und haben den Verantwortlichen offensichtlich Abmahnungen geschickt bzw. einstweilige Verfügungen erwirkt. Sie hatten Glück! Die Berichte über Ihren Sohn wurden größtenteils aus dem Netz genommen.

Nun, ich bin auch eine Mutter, die ihr Kind schützen will. Doch meinem Kind wird der Schutz verwehrt. Ich frage Sie heute von Mutter zu Mutter: Warum haben Sie meinem Kind so etwas angetan? Was hat meine damals 7 Jahre alte Tochter Ihnen getan, dass Sie nicht nur namentlich in Ihrem Buch genannt wurde, sondern darüber hinaus von Ihnen in ihrer Ehre verletzt und lächerlich gemacht wurde?

Manche Leser glauben Ihnen! Viele Menschen denken häufig, meine Tochter wäre ein ganz schlimmes Kind gewesen, das die Lehrerin beleidigt, vielleicht noch tätlich angegriffen hat und ganz allgemein „Dreck am Stecken“ haben muss, weil sie sonst ja nicht mit vollem Namen im Buch genannt werden würde. Sie beklagten sich damals in der Tat oft über meine Tochter. Das größte Problem: Sie war Ihnen zu ruhig!

Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen wirklich klar ist, was Sie mit dieser Namensnennung angerichtet haben. Ich weiß auch nicht, ob Sie es bereuen, unsere damalige Begegnung falsch geschildert und Tatsachen weggelassen zu haben, die ein ganz anderes Licht auf uns geworfen hätten. Erfüllt Sie der Gedanke, ein Kind und dessen ganze Familie ruiniert zu haben tatsächlich mit Zufriedenheit oder kommt doch etwas wie Scham darüber bei Ihnen auf? Es fällt mir schwer, mich in Menschen wie Sie hineinzuversetzen. Denn wissen Sie: Ich hätte niemals einem Kind oder Erwachsenen so etwas angetan.

Nehmen wir für einen Moment an, Sie hätten in Ihrem Buch die Wahrheit geschrieben. Dann wäre ich eine ziemlich unangenehme Mutter, die sich Ihnen gegenüber falsch verhalten hat. Und jetzt sagen Sie mir bitte: Was könnte mein Kind dafür? Wäre es nicht schon gestraft genug, überhaupt eine solche Mutter zu haben? Ich persönlich denke, dass die Namensnennung und alles, was seitdem passiert ist aus pädagogischer, moralischer und menschenrechtlicher Sicht auch dann nicht in Ordnung gewesen wäre, wenn Sie mit den Behauptungen im Buch Recht gehabt hätten.

Frau Sarrazin, Sie wissen, was meiner Tochter durch die Namensnennung passiert ist. Ihnen ist bekannt, dass unsere ganze Familie erhebliche Folgen zu tragen hat. Vielleicht ruhen Sie sich auf den Gerichtsurteilen aus, aber: Die sind nicht nur in meinen Augen falsch begründet. Das ganze Drumherum, das offensichtliche Ignorieren von Zeugen und Beweisen, die Missachtung der Folgen der Namensnennung – das alles lässt nicht nur mich ganz erheblich an der Korrektheit der Urteile zweifeln.

Nun gibt es aber nicht nur die rechtliche Seite, sondern eben auch eine moralische. Deshalb möchte ich Sie nochmals fragen: Können Sie morgens noch in den Spiegel schauen? Können Sie wirklich zufrieden mit dem Gedanken leben, einem Kind erheblichen Schaden zugefügt und dessen gesamte Familie seelisch, gesundheitlich und finanziell ruiniert zu haben?

Ich habe neulich in der Berliner Morgenpost gelesen, dass Sie und Ihr Mann an einem Charity-Abend zugunsten des Stiftungsprojekts “Spielen Lernen“ teilgenommen haben. Dieses Projekt wurde für sozial benachteilige Familien mit kleinen Kindern konzipiert. Zwei Gedanken gingen mir beim Lesen durch den Kopf:

  1. Scheinbar ändert sich Frau Sarrazin, wenn Sie jetzt denen hilft, für die sie in ihrem Buch nur wenig warme Worte gefunden hat.
  2. Was für eine Heuchelei.

Warum Heuchelei? Ganz einfach deshalb, weil Sie dadurch den Eindruck erwecken, dass Ihnen das Wohl aller Kinder sehr am Herzen liegt. Ihr Verhalten im Falle meiner Tochter spricht aber eine ganz andere Sprache. Ganz offensichtlich war und ist es Ihnen egal, dass mein Kind durch die von Ihnen verschuldete Namensnennung krank wurde, die Schule wechseln musste und unsere Wohnanschrift durch rechtsradikale Internetseiten, die nicht einmal ein Impressum haben (=keinerlei Handlungsmöglichkeit für uns) öffentlich zugänglich gemacht wurde. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Folgen. Sie wissen ja Bescheid.

Ich habe diese Frage schon dem Verlag gestellt und frage auch Sie heute: Warum war es nicht möglich, den Namen aus der Erstauflage zu streichen? Zum Wohl eines Kindes, wie ich betonen möchte. Wie können Sie mit dieser Schuld leben? Ständig werden zugunsten Prominenter irgendwelche Passagen in Büchern geschwärzt. Warum genießt ein minderjähriges Kind nicht denselben Schutz? Ein Kind, dessen Name vorher niemals in der Öffentlichkeit war?

Frau Sarrazin, Sie behaupten immer wieder, dass es Ihnen um das Wohl der Kinder geht. Sie haben jetzt die Chance zu beweisen, dass Sie das auch ernst meinen. Sicher, seit Kurzem ist die Erstauflage von Verlagsseite nicht mehr lieferbar. Aber es werden immer noch viele Exemplare angeboten, deren Händler sie als Lagerware bewerben. Sie können das alles ganz sicher nicht mehr rückgängig machen, aber Sie können die Fehler öffentlich zugeben, den Schaden minimieren und die Verantwortung dafür übernehmen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Patricia Grüger

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